Artikel · Datenhandel · Datenschutz · Digitale Souveränität

Das Milliardengeschäft mit unseren Daten

Wenn aus scheinbar belanglosen digitalen Spuren Profile, Bewegungsmuster und ein milliardenschwerer Datenmarkt entstehen.

NoData.ForSale · Artikel · Datenhandel · Datenschutz

Wenn selbst ein Technikmagazin wie c’t eine komplette Podcast-Folge dem Handel mit unseren Nutzerdaten widmet, lohnt es sich vielleicht, genauer hinzuhören.

Wir benutzen Apps.

Wir lesen Nachrichten.

Wir navigieren mit dem Smartphone.

Wir tragen eine Smartwatch.

Wir fahren ein vernetztes Auto.

Und während all das geschieht, entstehen Daten.

Viele davon wirken zunächst völlig belanglos.

Ein Standort.

Ein Like.

Eine besuchte Webseite.

Die Uhrzeit, zu der wir online sind.

Eine Werbe-ID.

Eine App, die wir geöffnet haben.

Doch genau darin liegt eines der zentralen Themen der c’t-uplink-Folge „Das Milliardengeschäft mit unseren Nutzerdaten“:

Nicht das einzelne Datum ist unbedingt das Problem. Die Kombination vieler Daten ist es.


Das Smartphone als Datensammler

c’t-Redakteur Jo Bager bezeichnet das Smartphone im Gespräch sinngemäß als eines der größten Einfallstore für Datensammlung.

Das ist nachvollziehbar.

Ein modernes Smartphone kennt oder kann je nach Berechtigungen und Nutzung unter anderem unseren Standort, unsere WLAN-Umgebung, Kontakte, App-Nutzung und zahlreiche weitere Informationen erfassen.

Hinzu kommen Identifikatoren für die Werbeindustrie. Werden Informationen aus verschiedenen Apps über solche Kennungen zusammengeführt, können aus einzelnen digitalen Spuren umfangreiche Profile entstehen.

Das Problem beginnt deshalb nicht erst bei Facebook, Google oder TikTok.

Auch eine scheinbar harmlose App kann Teil einer viel größeren technischen Infrastruktur sein.

Und genau das sieht der Nutzer normalerweise nicht.


Deine Daten werden nicht nur gesammelt. Sie werden gehandelt.

Einer der eindrucksvollsten Punkte der Podcast-Folge betrifft Datenbroker.

Das sind Unternehmen, deren Geschäft darin besteht, Daten zu sammeln, zusammenzuführen, aufzubereiten oder weiterzuverkaufen.

Dabei geht es längst nicht nur darum, ob sich jemand für Fahrräder, Computer oder Urlaubsreisen interessiert.

Datenpakete können Informationen darüber enthalten oder daraus ableiten, wo jemand lebt, wie kaufkräftig eine Person sein könnte oder welchen Interessen sie vermutlich nachgeht.

Solche Datensätze und Zugänge zu Daten werden über kommerzielle Marktplätze angeboten.

Und manchmal genügt bereits ein Bewegungsmuster.

Tagsüber regelmäßig an einem bestimmten Ort.

Nachts regelmäßig an einem anderen.

Schon können daraus mit hoher Wahrscheinlichkeit Arbeitsplatz und Wohnort abgeleitet werden.


Wenn Standortdaten plötzlich Menschen identifizieren

Hier wird aus abstraktem Datenschutz etwas sehr Konkretes.

Recherchen von netzpolitik.org und dem Bayerischen Rundfunk haben gezeigt, wie mächtig kommerziell verfügbare Standortdaten sein können.

Aus entsprechenden Datensätzen ließen sich Bewegungsmuster rekonstruieren und Personen identifizieren – darunter Menschen aus sicherheitsrelevanten Bereichen.

In den Shownotes der c’t-Folge wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich dadurch beispielsweise Wohnorte und weitere sensible Aufenthaltsorte nachvollziehen ließen.

Die naheliegende Frage lautet:

Wenn solche Methoden bei Personen funktionieren, die beruflich mit Sicherheit und Geheimhaltung zu tun haben – warum sollten sie bei uns normalen Smartphone-Nutzern nicht funktionieren?

Das Problem ist also nicht hypothetisch.

Die technische Infrastruktur existiert bereits.


Werbung möchte nicht nur wissen, was du kaufst

Besonders interessant wird die c’t-Folge an einer anderen Stelle.

Denn moderne Datenanalyse versucht nicht nur herauszufinden:

Was interessiert diesen Menschen?

Sondern möglicherweise auch:

Wie ist dieser Mensch?

Im Podcast wird unter anderem das sogenannte OCEAN-Modell angesprochen – ein psychologisches Persönlichkeitsmodell mit fünf Dimensionen.

Anhand von statistischen Zusammenhängen zwischen Verhalten, Interessen, Likes, Mediennutzung und anderen Signalen können Nutzergruppen bestimmten Eigenschaften zugeordnet werden.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, jeden einzelnen Menschen perfekt zu durchschauen.

Für die Werbeindustrie reichen Wahrscheinlichkeiten.

Wenn eine bestimmte Zielgruppe nur etwas häufiger auf eine Werbung reagiert als eine andere, kann das bei Millionen Nutzern wirtschaftlich bereits enorm wertvoll sein.

Und daraus entsteht etwas, das wir im Alltag kaum wahrnehmen:

Microtargeting.

Du siehst eine andere Werbung als ich.

Ich sehe eine andere politische Botschaft als mein Nachbar.

Und keiner von uns weiß unbedingt, was dem anderen gezeigt wurde.

Damit verschwindet ein Teil der Öffentlichkeit.

Früher sahen Millionen Menschen denselben Werbespot im Fernsehen.

Heute kann jeder Nutzer seine eigene Botschaft erhalten.


„Ich habe doch nichts zu verbergen“

Natürlich fällt im Podcast auch dieser Satz.

„Ich habe doch nichts zu verbergen.“

Doch genau hier zeigt sich das eigentliche Problem.

Es geht nicht nur darum, ob jemand etwas Illegales getan hat.

Standortdaten können beispielsweise erkennen lassen, dass jemand regelmäßig eine bestimmte medizinische Einrichtung besucht.

Daten können politische Interessen vermuten lassen.

Sie können soziale Kontakte sichtbar machen.

Sie können Arbeitsplatz und Wohnort verbinden.

Und Daten verschwinden nicht automatisch, nur weil sich politische oder gesellschaftliche Rahmenbedingungen verändern.

Informationen, die heute scheinbar harmlos sind, können morgen in einem völlig anderen Zusammenhang verwendet werden.

Privatsphäre bedeutet deshalb nicht:

„Ich habe etwas zu verbergen.“

Privatsphäre bedeutet:

Ich möchte selbst entscheiden, wer etwas über mich wissen darf.


Selbst ohne Facebook kann Facebook etwas über dich erfahren

Ein weiterer interessanter Punkt der Diskussion passt besonders gut zu NoData.ForSale.

Man kann Facebook verlassen.

Instagram löschen.

Tracking ablehnen.

Und trotzdem ist das Problem nicht automatisch verschwunden.

Warum?

Weil große Technologieunternehmen Entwicklungsbausteine und sogenannte SDKs bereitstellen, die wiederum in Apps anderer Anbieter eingebaut werden können.

Solche Komponenten übernehmen beispielsweise technische Funktionen, Analyse oder Werbeintegration.

Dadurch können Datenströme entstehen, die für den Nutzer nicht offensichtlich sind.

Die c’t-Runde bringt damit einen wichtigen Punkt auf:

Man muss nicht zwingend direkt Kunde eines großen Plattformunternehmens sein, um mit dessen Infrastruktur in Berührung zu kommen.

Das macht Datenschutz komplizierter als:

„Dann lösche ich eben Facebook.“


Auch dein Telefonbuch betrifft andere Menschen

Ein schönes Beispiel aus der Diskussion zeigt außerdem, warum Datenschutz niemals nur eine individuelle Entscheidung ist.

Eine App fragt:

„Möchtest du deine Freunde finden?“

Man bestätigt.

Das Adressbuch wird hochgeladen.

Vielleicht hat man selbst bewusst darauf verzichtet, einem bestimmten Dienst seine Telefonnummer oder Kontaktdaten zu geben.

Doch jemand anderes besitzt diese Informationen bereits in seinem Telefonbuch und überträgt sie.

Genau deshalb funktioniert digitale Privatsphäre nicht immer alleine.

Unsere Daten sind miteinander verbunden.


Kann man sich überhaupt schützen?

Die Antwort der c’t-Runde ist erfreulich realistisch.

Ja.

Man kann etwas tun.

Aber man sollte nicht glauben, dadurch vollständig unsichtbar zu werden.

Man kann Berechtigungen überprüfen.

Unnötige Apps entfernen.

Standortzugriffe einschränken.

Werbe-IDs deaktivieren beziehungsweise zurücksetzen.

Nicht jedem Dienst das Telefonbuch überlassen.

Dienste gegebenenfalls lieber über den Browser nutzen.

Datenauskünfte verlangen.

Und insgesamt bewusster mit Daten umgehen.

Doch die c’t-Redakteure machen gleichzeitig deutlich:

Ein strukturelles Problem lässt sich nicht vollständig durch individuelles Verhalten lösen.

Datensparsamkeit hilft.

Aufklärung hilft.

Aber auch Politik, Datenschutzbehörden und Gesetzgebung müssen ihren Teil dazu beitragen.


Wenn selbst c’t darüber berichtet …

Und genau dieser Punkt gefällt mir an dieser Podcast-Folge.

NoData.ForSale beschäftigt sich sehr bewusst mit Datenschutz, Big Tech und digitaler Souveränität.

Da könnte schnell der Eindruck entstehen:

„Das ist doch wieder nur etwas für Datenschutz-Fanatiker.“

Nur:

Hier sitzen keine Technikgegner.

Hier sitzen Redakteure eines der bekanntesten deutschen Computermagazine.

Menschen, die beruflich seit Jahren mit IT, Smartphones, Software, Netzwerken und digitalen Geschäftsmodellen arbeiten.

Und sie diskutieren fast vierzig Minuten darüber, wie umfassend unser digitales Verhalten ausgewertet werden kann.

Für mich ist das ein wichtiges Signal.

Wenn selbst c’t darüber berichtet, ist das Thema Datenhandel endgültig kein exotisches Randthema mehr.

Es ist ein Bestandteil unserer heutigen digitalen Infrastruktur.

Noch bemerkenswerter:

Am Ende der Sendung sprechen die Redakteure offen darüber, dass auch heise selbst nicht außerhalb dieses Systems steht.

Kostenlose Online-Inhalte werden unter anderem durch Werbung finanziert. Damit befindet sich auch ein Technikverlag innerhalb jener Werbeinfrastruktur, über die gleichzeitig kritisch berichtet wird.

Diese Selbstkritik ist wichtig.

Denn Datenschutz ist nicht schwarz oder weiß.

Es gibt nicht auf der einen Seite die „Guten“, die keinerlei Daten erzeugen, und auf der anderen Seite die „Bösen“.

Wir alle bewegen uns innerhalb derselben digitalen Infrastruktur.

Die entscheidende Frage lautet deshalb:

Wie viel davon akzeptieren wir einfach – und wie viel hinterfragen wir?


NoData.ForSale // Einordnung

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Folge lautet für mich:

Unsere Daten sind längst ein Wirtschaftsgut.

Nicht erst unsere Namen.

Nicht erst unsere E-Mail-Adressen.

Schon unsere Bewegungen, Klicks, Interessen und Gewohnheiten besitzen einen wirtschaftlichen Wert.

Ein einzelner Standortpunkt erzählt wenig.

Tausende Standortpunkte erzählen eine Geschichte.

Ein einzelner Like erzählt wenig.

Hunderte Likes können ein Profil ergeben.

Eine einzelne App weiß vielleicht nicht besonders viel.

Viele Apps zusammen wissen möglicherweise erstaunlich viel.

Und genau deshalb beginnt digitale Souveränität nicht damit, morgen das Smartphone wegzuwerfen.

Sie beginnt mit einer wesentlich einfacheren Frage:

Muss diese App das wirklich wissen?

Vielleicht deaktiviert man danach einen Standortzugriff.

Vielleicht entfernt man eine App.

Vielleicht schaltet man die Werbe-ID ab.

Vielleicht gibt man sein Telefonbuch nicht mehr überall frei.

Vielleicht benutzt man einen Dienst künftig nur noch im Browser.

Das verändert nicht sofort die gesamte Datenökonomie.

Aber es verändert etwas anderes:

Man beginnt wieder selbst zu entscheiden.

Und genau darum geht es.


Quellen // Transparenz

c’t uplink – „Das Milliardengeschäft mit unseren Nutzerdaten“
22. November 2025
Podcast, Shownotes und vollständiges Transkript öffnen

c’t / heise – Data-Profiling: Wie Sie anhand Ihrer digitalen Spuren verfolgt werden
Artikel bei heise öffnen

c’t / heise – Data-Profiling: Wie die unsichtbare Infrastruktur des Datenhandels funktioniert
Artikel bei heise öffnen

netzpolitik.org – Databroker Files
Gemeinsame Recherchen mit dem Bayerischen Rundfunk zum Handel mit Standort- und Werbedaten.
Databroker Files öffnen

Bayerischer Rundfunk – Ausspioniert mit Standortdaten
Interaktive Recherche darüber, was sich aus kommerziell verfügbaren Bewegungsdaten ableiten lässt.
Recherche des BR öffnen


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