Das Smartphone steckt in der Hosentasche. Auf dem Weg zur Arbeit. Beim Einkaufen. Beim Arzt. Beim Sport. Beim Besuch bei Freunden. Im Urlaub.
Für viele Apps ist der Standort eine praktische Funktion. Eine Wetter-App möchte das Wetter am richtigen Ort anzeigen. Eine Navigations-App muss wissen, wo wir gerade sind. Die App des nächsten Restaurants möchte uns die nächste Filiale zeigen.
Das klingt zunächst vollkommen harmlos.
Doch Standortdaten gehören zu den Informationen, aus denen sich erstaunlich viel über einen Menschen herauslesen lässt.
Nicht nur, wo jemand gerade ist.
Sondern möglicherweise auch:
- wo jemand wohnt,
- wo jemand arbeitet,
- wann das Haus verlassen wird,
- welche Geschäfte besucht werden,
- wo die Freizeit verbracht wird,
- welche Ärzte oder Kliniken besucht werden,
- wo Freunde oder Partner wohnen
- und welche Orte regelmäßig wiederkehren.
Aus einzelnen Punkten auf einer Karte kann mit der Zeit ein ziemlich genaues Bild eines Lebens entstehen.
3,6 Milliarden Standortinformationen
Wie real dieses Problem ist, zeigte eine gemeinsame Recherche des Bayerischen Rundfunks und von netzpolitik.org.
Das Rechercheteam erhielt von einem kommerziellen Datenhändler einen kostenlosen Beispieldatensatz mit rund 3,6 Milliarden Standortinformationen aus Smartphone-Apps.
Die Daten stammten von Millionen Geräten in Deutschland.
Das Bemerkenswerte daran:
Es brauchte keinen Hackerangriff.
Keine Schadsoftware.
Keinen heimlich installierten GPS-Tracker.
Die Daten waren Teil eines kommerziellen Datenmarktes.
Genau das macht diese Geschichte so interessant.
Wir sprechen nicht über eine theoretische Sicherheitslücke.
Wir sprechen über Daten, die im Rahmen einer bestehenden Datenökonomie gesammelt, zusammengeführt und gehandelt werden können.
Aber da steht doch mein Name nicht dabei?
Das stimmt zunächst.
In solchen Datensätzen steht normalerweise nicht einfach:
„Max Mustermann, Musterstraße 12.“
Stattdessen kann ein Smartphone beispielsweise über eine Kennung wie eine Mobile Advertising ID beziehungsweise Werbe-ID wiedererkannt werden.
Man könnte sich diese Kennung vereinfacht wie eine Nummer vorstellen:
Das ist Gerät XYZ.
Der Name des Besitzers steht nicht direkt daneben.
Das Problem beginnt, wenn sehr viele Standortinformationen mit derselben Kennung verbunden werden.
Das Smartphone befindet sich beispielsweise fast jede Nacht zwischen 23:00 Uhr und 6:00 Uhr am gleichen Ort.
Das könnte der Wohnort sein.
Von Montag bis Freitag taucht es regelmäßig zwischen 8:00 und 16:00 Uhr an einem anderen Ort auf.
Das könnte der Arbeitsplatz sein.
Von dort aus wird es plötzlich erheblich einfacher, über öffentlich zugängliche Informationen herauszufinden, wem dieses Bewegungsprofil möglicherweise gehört.
Genau das gelang auch den Journalisten der BR-Recherche: Aus vermeintlich anonym wirkenden Standortinformationen konnten Bewegungsprofile rekonstruiert und teilweise Personen identifiziert werden.
Eine Nummer ist nicht automatisch anonym.
Wenn genügend Informationen um diese Nummer herum existieren, kann sie sehr persönlich werden.
Die Werbe-ID – eigentlich für Werbung gedacht
Die sogenannte Werbe-ID wurde geschaffen, damit Geräte beziehungsweise Nutzer für Werbezwecke unterschieden werden können.
Google beschreibt selbst, dass Android-Geräte eine Werbe-ID besitzen können und dass diese zum Beispiel für Werbung verwendet wird. Google ermöglicht Nutzern inzwischen, diese ID zurückzusetzen oder vollständig zu löschen.
Die Werbe-ID enthält nicht automatisch deinen Namen.
Doch kombiniert man eine solche Kennung mit Standortinformationen, entsteht ein Zusammenhang:
Diese ID war morgens hier.
Mittags dort.
Abends wieder hier.
Aus Werbung wird damit theoretisch ein Bewegungsprofil.
Die US-Verbraucherschutzbehörde FTC beschrieb in einem Verfahren gegen den Datenhändler X-Mode/Outlogic ausdrücklich Standortdaten, die mit mobilen Werbe-IDs verbunden waren. Laut FTC konnten solche Daten dazu genutzt werden, einzelne Geräte mit den besuchten Orten in Verbindung zu bringen.
Woher kommen solche Daten?
Nicht jede App verkauft Standortdaten.
Und eine App, die nach dem Standort fragt, ist deshalb nicht automatisch unseriös.
Eine Navigations-App ohne Standortzugriff wäre schließlich ziemlich nutzlos.
Das Problem liegt häufig darin, dass moderne Apps nicht ausschließlich aus dem Programmcode des eigentlichen Entwicklers bestehen.
Zusätzliche Komponenten können beispielsweise für:
- Werbung,
- Statistiken,
- Reichweitenmessung,
- Fehleranalyse
- oder andere Dienste
eingebunden werden.
Dadurch kann eine Datenkette entstehen, die der normale Anwender kaum überblicken kann.
In der Datenhändler-Recherche von BR und netzpolitik.org ließ sich nicht für jeden Datenpunkt nachvollziehen, aus welcher konkreten App er ursprünglich stammte. Als typische Quellen solcher Standortdaten werden unter anderem Apps aus Bereichen wie Wetter, Navigation oder Dating genannt.
Und genau hier liegt ein grundsätzliches Problem unserer digitalen Welt:
Wir sehen eine App.
Im Hintergrund können jedoch wesentlich mehr Unternehmen beteiligt sein.
„Ich habe doch nichts zu verbergen.“
Dieser Satz fällt beim Thema Datenschutz häufig.
Bei Standortdaten geht es aber nicht unbedingt darum, etwas zu verbergen.
Stell dir stattdessen vor, ein unbekannter Mensch würde einen Monat lang hinter dir herfahren.
Er notiert:
Wann du dein Haus verlässt.
Wo du arbeitest.
Wo du einkaufst.
Welche Arztpraxis du besuchst.
Wo du am Wochenende schläfst.
Welche Freunde du regelmäßig besuchst.
Wahrscheinlich würden die meisten Menschen das als unangenehm empfinden.
Beim Smartphone passiert etwas Ähnliches möglicherweise vollkommen unsichtbar.
Der entscheidende Unterschied:
Es muss niemand hinter dir herfahren.
Dein Smartphone trägt die notwendigen Sensoren bereits mit sich.
Standortdaten können sehr sensible Dinge verraten
Besonders kritisch wird es bei Orten, aus denen sich weitere Informationen ableiten lassen.
Ein Besuch bei einem Krankenhaus ist etwas anderes als ein Besuch im Supermarkt.
Eine Beratungsstelle ist etwas anderes als eine Tankstelle.
Eine religiöse Einrichtung, eine politische Veranstaltung oder eine militärische Einrichtung können ebenfalls Informationen über einen Menschen preisgeben.
Die US-amerikanische FTC ist deshalb mehrfach gegen Unternehmen vorgegangen, die mit präzisen Standortinformationen handelten.
In Verfahren ging es unter anderem um Standortdaten von medizinischen Einrichtungen, Gotteshäusern, militärischen Einrichtungen und anderen sensiblen Orten.
Das zeigt:
Standortdaten sind nicht einfach nur Punkte auf einer Karte.
Sie können Kontext bekommen.
Und dieser Kontext kann ausgesprochen persönlich sein.
Das Smartphone muss nicht ständig wissen, wo du bist
Natürlich müssen wir deshalb nicht auf Navigation verzichten.
Auch keine Wetter-App muss gelöscht werden, nur weil sie den Standort verwenden kann.
Digitale Souveränität bedeutet nicht:
Alles abschalten.
Sie bedeutet:
Selbst entscheiden.
Braucht diese App meinen Standort wirklich?
Braucht sie ihn immer?
Oder reicht der Zugriff genau in dem Moment, in dem ich die App verwende?
Moderne Smartphones ermöglichen es, Standortberechtigungen einzuschränken.
Auf Android kann die Standortfunktion vollständig deaktiviert werden. Zusätzlich können Nutzer festlegen, welche Anwendungen Zugriff erhalten.
Die wichtigste Frage sollte deshalb nicht sein:
Warum möchte ich dieser App meinen Standort verweigern?
Sondern:
Warum benötigt diese App überhaupt meinen Standort?
NoData // Souveränitätscheck
Standortdienste dauerhaft notwendig?
Nein. Für viele Anwendungen reicht es, den Standort nur bei Bedarf zu aktivieren.
Braucht jede App präzisen Standortzugriff?
Nein.
Ist eine Werbe-ID notwendig, damit ein Smartphone funktioniert?
Nein.
Kann eine Werbe-ID unter Android gelöscht werden?
Ja. Google stellt dafür eine entsprechende Funktion bereit.
Sind Standortdaten anonym, nur weil kein Name danebensteht?
Nicht unbedingt. Wiederkehrende Aufenthaltsorte und andere Informationen können eine Zuordnung ermöglichen.
Löst das Abschalten der Standortfunktion jedes Trackingproblem?
Nein. Geräte und Apps können auch über andere Informationen wiedererkannt oder grob lokalisiert werden.
Kann ich trotzdem etwas dagegen tun?
Definitiv.
Und der erste Schritt kostet nicht einmal Geld.
Ein gut gemeinter Rat zum Schluss
Nimm dir fünf Minuten Zeit und öffne die Datenschutzeinstellungen deines Smartphones.
Schau dir an, welche Apps deinen Standort verwenden dürfen.
Du wirst möglicherweise überrascht sein.
Apps, die keinen nachvollziehbaren Grund dafür haben, brauchen diese Berechtigung nicht.
Bei Apps, die den Standort tatsächlich benötigen, reicht häufig:
Nur während der Nutzung.
Und wenn du GPS beziehungsweise Standortdienste gerade überhaupt nicht brauchst:
Schalte sie aus.
Auf Android lohnt sich außerdem ein Blick auf die Werbe-ID.
Google nennt dafür aktuell den Weg:
Einstellungen → Datenschutz → Werbung → Werbe-ID löschen
Das Löschen der Werbe-ID macht dich nicht unsichtbar. Apps können weiterhin andere Informationen verwenden. Google weist selbst darauf hin. Aber eine unnötige, für Werbezwecke vorgesehene Kennung weniger ist trotzdem ein sinnvoller Schritt.
Auch WLAN- und Bluetooth-Suche für die Standortbestimmung solltest du dir ansehen, wenn du diese Funktionen nicht benötigst. Android bietet dafür eigene Einstellungen.
Es geht nicht darum, aus einem Smartphone einen funktionslosen Klotz zu machen.
Es geht darum, Funktionen dann freizugeben, wenn wir sie brauchen – statt sie dauerhaft allen möglichen Anwendungen zur Verfügung zu stellen.
Und wenn du einen Schritt weitergehen möchtest: GrapheneOS
Wer sich grundsätzlich mehr Kontrolle über sein Smartphone wünscht, kann sich auch mit GrapheneOS beschäftigen.
GrapheneOS ist ein Open-Source-Betriebssystem mit besonderem Schwerpunkt auf Sicherheit und Privatsphäre und Android-App-Kompatibilität.
Google-Dienste gehören dort nicht automatisch zum Betriebssystem.
Wer sie benötigt, kann Google Play optional installieren. GrapheneOS behandelt diese Google-Dienste dann als normale Apps innerhalb der App-Sandbox, ohne die besonderen Systemprivilegien, die sie bei klassischen Android-Installationen besitzen können.
Interessant im Zusammenhang mit diesem Artikel:
Die Google-Werbe-ID gehört nicht zur grundlegenden Android-Schnittstelle von GrapheneOS. Sie kommt über Google Play Services ins Spiel, wenn diese vom Nutzer installiert werden.
GrapheneOS macht seinen Nutzer deshalb trotzdem nicht anonym.
Wer einer App den Standort, seine Kontakte oder andere persönliche Informationen gibt, kann diese Daten natürlich weiterhin preisgeben.
Aber das Grundprinzip ist interessant:
Nicht alles bekommt automatisch Zugriff.
Du entscheidest.
GrapheneOS empfiehlt offiziell, ein unterstütztes Gerät zu kaufen und das Betriebssystem selbst über den bereitgestellten Installer zu installieren.
Vielleicht ist das nicht der richtige Weg für jeden.
Das muss es auch nicht sein.
Digitale Souveränität beginnt nicht mit einem neuen Smartphone.
Sie kann bereits mit einem einfachen Blick auf die Berechtigungen des vorhandenen Gerätes beginnen.
NoData // Schlusswort
Wir tragen unsere Smartphones freiwillig überall mit hin.
Sie wissen, wann wir morgens das Haus verlassen.
Sie liegen neben uns am Arbeitsplatz.
Sie begleiten uns zum Arzt, zum Einkaufen und in den Urlaub.
Das macht sie unglaublich praktisch.
Aber genau diese Nähe macht ihre Daten gleichzeitig wertvoll.
Die Recherche von BR und netzpolitik.org zeigt eindrucksvoll, wie aus Milliarden scheinbar unscheinbarer Standortpunkte Bewegungsprofile entstehen können.
Darum muss niemand sein Smartphone wegwerfen.
Aber vielleicht sollten wir ihm wieder etwas häufiger sagen:
Nein. Das musst du gerade nicht wissen.
Standort aus.
Berechtigungen prüfen.
Werbe-ID löschen.
Und bei der nächsten App nicht automatisch auf „Zulassen“ drücken.
Ein paar Sekunden Aufmerksamkeit können darüber entscheiden, ob aus einer praktischen Funktion irgendwann ein Datensatz über dein Leben wird.
Dein Standort.
Deine Bewegung.
Deine Entscheidung.
NoData.ForSale
Quellen // Transparenz
Bayerischer Rundfunk – Ausspioniert mit Standortdaten
Die Recherche, die als Ausgangspunkt und Inspiration für diesen Artikel diente.
interaktiv.br.de – Ausspioniert mit Standortdaten
Bayerischer Rundfunk – BR-Recherche zum Handel mit Standortdaten
Informationen zum Datensatz mit rund 3,6 Milliarden Standortinformationen.
BR – Handel mit Standortdaten
BR24 – Standortdaten-Missbrauch: So stoppt man Apps
Praktische Hinweise zum Umgang mit Standortberechtigungen und Werbe-IDs.
BR24 – Standortdaten schützen
netzpolitik.org – Databroker Files
Gemeinsame Recherche über Herkunft, Handel und Auswertung von Standortinformationen.
netzpolitik.org – Die große Datenhändler-Recherche
Google – Werbe-ID unter Android
Offizielle Anleitung zum Zurücksetzen beziehungsweise Löschen der Android-Werbe-ID.
Google – Werbe-ID
Google Android – Standorteinstellungen verwalten
Offizielle Informationen zu Standortdiensten und deren Deaktivierung.
Google – Standorteinstellungen unter Android
Federal Trade Commission – X-Mode / Outlogic
Verfahren der US-Verbraucherschutzbehörde zum Handel mit sensiblen Standortdaten.
FTC – X-Mode und Standortdaten
Federal Trade Commission – Gravy Analytics / Venntel
Weitere Ermittlungen und Maßnahmen wegen der Verwendung und des Verkaufs sensibler Standortinformationen.
FTC – Gravy Analytics und Venntel
Federal Trade Commission – Kochava, Mai 2026
Aktuelles Verfahren zum Verkauf sensibler Standortinformationen von Mobilgeräten.
FTC – Kochava und Standortdaten
GrapheneOS – Offizielle Webseite
Informationen zum auf Sicherheit und Privatsphäre ausgerichteten Betriebssystem.
grapheneos.org
GrapheneOS – Features
Details zum Sicherheits- und Berechtigungsmodell sowie zu sandboxed Google Play.
GrapheneOS – Features
GrapheneOS – FAQ
Informationen unter anderem zu Gerätekennungen und Advertising IDs.
GrapheneOS – FAQ